Geschichte der Kulturform ‚Laudenbacher Osternachtsingen‘

Sehr geehrte Damen und Herren,

Wir dürfen Ihnen die Geschichte des ‚Laudenbacher Osternachtsingens“ darlegen. Die Quellenlage ist leider lückenhaft. So ruht Der Ursprung unserer Kulturform im Dunkeln. Wir wissen nicht, wann genau unser Brauch wo entstanden ist, wem die Texte und die Vertonung zugeschrieben werden können. Zur Geschichte unserer Kulturform gibt es aber durchaus interessante Nachweise. Außerdem ist es legitim, Daten und Fakten zu interpretieren bzw. zu hinterfragen.

Wir besitzen die beglaubigte Abschrift eines Schreibens der Gemeinde Laudenbach an das Königl. Bayer. Bezirksamt Miltenberg vom 22.12.1908. Lehrer Felix Weber und Bürgermeister Reiß beantworten damit eine Umfrage des Vereins für Volkskunst und Volkskunde, München. Zu unserem Thema wird mitgeteilt: „…In der Karwoche wird anstatt des Läutens ‚geklappert’. Das morgige Ave wird von den Sonntagsschülern mit kräftigem Klappern im Dorfe an bestimmten Stellen (vor dem Pfarrhause, Schloß, Bürgermeister-, Lehrerwohnung u. in den entlegenen Mühlen) verkündet u. hierauf nachstehende Verse gesungen:

a) am Karfreitag-Morgen

1. Gratia plena! Christus am Kreuz, Johannes daneben, Die Engel da schweben

2. Sie kommen vors Grab. Das Grab war verschlossen. Der Himmel steht offen

In Ewigkeit, in Ewigkeit.

b) Am Charsamstag-Morgen

1. Erstanden ist Herr Jesu Christ Der aller Welt Erlöser ist Alleluja, Alleluja

2. Christ ist erstanden Von seinen Marterbanden Alleluja, Alleluja…“

Ich halte fest: In den Jahren um 1908 wurde an Karfreitag- und Karsamstag-Morgen von den Sonntagsschülern das ‚morgige‘ (nach meiner Meinung) das morgentliche Ave mit kräftigem Klappern an bestimmten Stellen im Dorfe verkündet und hierauf die Gesänge gesungen, die den heutigen Verkündigungstexten sehr ähnlich sind.

Den nächsten Beleg unseres Brauches verdanke ich Herrn Dr. Armin Griebel von der Forschungsstelle für Fränkische Volksmusik. Von ihm erhielt ich am 30.03.2018 die „VolksliederSammlung“ von Karl Joseph Scheuring, herausgegeben 1928 im Ma-Mä-Mee-Main Verlag Aschaffenburg, ‚Sammlung alter und neuer deutscher Volkslieder und Weisen des Odenwalds, Spessarts, der Rhön und des Frankenlandes’. Die Nr. 49a lautet: „Das ist das Ave Maria – Gratia plena, Herrgott am Kreuz – Mutter Gottes dabei, Johannes daneben – drei Engel da schweben. Sie kamen zum Grab – das Grab war verschlossen. Sie blickten zum Himmel – der Himmel war offen. In Ewigkeit, in Ewigkeit Amen.“ Bekannt ist dieser Gesang laut K. J. Scheuring in Leidersbach, Eichelsbach, Sommerau, Laudenbach, Röllbach, Buch, Watterbach. Dieser Text ist unserer heutigen Version sehr ähnlich; die Melodie ist uns fremd.

Auch den für Karsamstag, morgens um 7 Uhr aufgeführten Gesang „Erstanden ist Herr Jesu Christ, der aller Welt Erlöser ist. Alleluja, das ist das Ave Maria, Maria.“ Kennen wir gut. Das ist das letzte Drittel der heute noch in der Osternacht gesungenen Auferstehungsbotschaft. Dieser Gesang wird ausschließlich mit Laudenbach in Verbindung gebracht.

Halten wir fest: Nach K. J. Scheuring wurden diese Verkündigungen am Gründonnerstag nach dem Abendgottesdienst und am Karsamstagmorgen um 7 Uhr gesungen.

Ein weiterer Beleg des Ostersingens ist das Buch „Spessartvolk“ Sitte und Brauch von Valentin Pfeifer aus dem Jahr 1929. Sein Großneffe Otto Pfeifer, Sommerau, hat dieses Buch „fortgeschrieben“ und 2021 neu herausgegeben. Schon in seiner Publikation „Geschichte der Pfarrei und der Kirchen St. Laurentius Sommerau“ zitiert er aus V. Pfeifers Buch. Demnach wurde in den 1920er Jahren in Spessartdörfern ‚karfreitags um 11 der bei uns heute noch gebräuchliche Passionstext (leicht abgewandelt) gesungen.  

Es gibt zudem Quellen innerhalb unseres Vereins, die Rückschlüsse auf die Überlieferung unserer Tradition erlauben. So schreibt der frühere HGV-Vorsitzende Alois Reiß (er lebte vom 04.06.1942 – 20.12.2013) in einer Notiz vom 17.04.2003: „…Alois Arnold, der heute seinen 89. Geburtstag feiert, kann sich erinnern, dass er 1926 erstmals mitsingen durfte, obwohl er damals noch zur Volksschule ging, ansonsten war dies damals Sache der Sonntagsschüler, also der Jugendlichen, die ihre Schulpflicht bereits abgeleistet hatten. Im gleichen Jahr studierte sein Vater, der ebenfalls schon als Sonntagsschüler mitgesungen hat, diese Ostergesänge – ‚im Keller meines Großvaters Johann August Arnold’ – erstmals dreistimmig ein. Also muss die Tradition schon etwa um 1886 bestanden haben. Der Organist Otto Arnold, ein Bruder des Geburtstagskindes,  Übertrug 1939 die Melodien. Das noch erhaltene Notenblatt ist gleichzeitig die älteste Textvorlage.“ Alois Arnold lebte vom 17.04.1914 – 22.11.2007, sein Bruder Otto vom 05.12.1912 – 28.02.1941.

Kurzer Einschub: In Bayern bestand Schulpflicht für Kinder von 6 – 12 Jahren. Von 12 – 18 Jahren musste die Sonntagsschule besucht werden. Franz Josef Arnold lebte vom 01.03.1872 – 20.02.1953. 1885 kann der 13jährige  durchaus beim ‚Ave-Singen‘ mitgemacht haben.

Hellhörig machen mich zwei Aussagen von Alois Arnold: Sein Vater habe die Gesänge 1926 ‚erstmals dreistimmig‘ eingeübt. Stammt der dreistimmige Männerchorsatz von den Arnolds? Franz Josef Arnold ist demnach der früheste uns bekannte Osternachtsänger und ebenso der erste Probenleiter. Spätestens seit ihm wurden Wissen und Können von ehemaligen Aktiven an die aktuellen ‚nächtlichen Raschpelbuben‘ weitergegeben.

Einer, der mit dem ‚Arnolde-Schreuner‘ geprobt hat, ist unser Alt-Bgm. Und HGV-Referent Julius Reiß. Seine schriftlichen und mündlichen Überlieferungen bereichern unseren heimatgeschichtlichen Fundus ganz enorm. Er ist einer unserer wichtigsten Chronisten. Wir zitieren aus seinen Erinnerungen an das ‚Osternachtsingen‘: „Das nächtliche Raschpeln besorgten die älteren und die schon ausgedienten Ministranten — aber auch andere Jugendliche — damals in der Nacht von  Gründonnerstag auf Karfreitag, heute je eine Nacht später -. (Früher wurde in der Karsamstagliturgie schon an die Auferstehung Christi gedacht — heute überwiegt das Gedenken an die Grabesruhe Christi. (…) Für das nächtliche Singen probten wir bei der Familie Arnold, die damals noch im Hinterhaus Dorfstraße 11 (am Dorfbrunnen) wohnte. Der erste Satz „erstanden ist heut Gottes Sohn — auferstanden ist Gottes Sohn“ wird solo — zweistimmig – gesungen, und Josef Arnold (…) legte Wert darauf dass man dabei nicht in den „Schwortemache-Bass“ fiel. (Vermutlich eine Oktave tiefer als die erste Stimme). Die sehr hohe erste Stimme wurde meist von Werner Schmitt und mir – abwechselnd – gesungen. In der Familie Arnold wurden die Melodien auch mit Noten festgehalten…“ An anderer Stelle fand ich noch einen interessanten Hinweis, der sowohl für das Raschpeln der Ministranten (tagsüber) als auch der ‚nächtlichen Raschpelbuben‘ gilt: „Ich erinnere mich dass in meiner Ministrantenzeit in unserem damals noch kleinen Dorf in der Obernburger Straße, der Maingasse, der Dorfstraße und der Odenwaldstraße geraschpelt wurde.“

Natürlich darf der Hinweis auf die Verschiebung des Verkündigungsdienstes um einen Tag nicht fehlen. Dazu berichtete mir Inge Breunig, geb. Frieß, am 16.01.2018: Die zeitliche Anpassung an die liturgischen Abläufe geht auf Hauptlehrer Franz Meusel zurück. Er brachte in seinem Unterricht um 1950 die Unstimmigkeit zwischen Raspelpraxis und biblischem Geschehen zur Sprache. Sein Einspruch veranlasste die Raspeler, die Kreuzigung und Grablegung Christi erst in der Karfreitagnacht und seine Auferstehung in der Osternacht zu verkünden.

Wenn ich mich recht erinnere hat der Ostergesang in den 1990erjahren Eingang in die Auferstehungsfeier in unserer Kirche gefunden.

Was eine Raschpel ist und wie sie funktioniert, wurde uns vorhin am Rathaus und im Kurzfilm vorgeführt. J. Reiß erklärt es so: „Raschpeln sind kleine Holzkistchen, an denen auf einer drehbaren Welle mit Holznoppen beim Drehen mit einer Kurbel Holzhämmerchen angehoben werden, die dann beim Fallen die Raspeltöne klappern. Es gibt Raschpeln mit 3 bis 6 Hämmerchen.“

Noch einmal zurück zu Kalr J. Scheuring. Während er den Auferstehungsgesang nur mit Laudenbach in Verbindung bringt, schrieb er den Passionstext mehreren Orten zu: Leidersbach, Eichelsbach, Sommerau, Laudenbach, Röllbach, Buch, Watterbach. Ich war in den 1960er- und Anfang der 1970erjahre Osternachtsänger. Damals kam mir zu Ohren, dass es auch in Klingenberg eine solche Tradition geben soll. Also fuhren wir nach Klingenberg und überzeugten uns: Dort wird nachts gesungen, aber nicht geraspelt. Auf meine Nachfrage beim Weinbau- und Heimatmuseum schickte mir Martina Krug am 18.01.2018 aus ‚Frau Berningers Nachlaß’ einen kleinen Artikel der Pfarrgemeinde St. Pankratius Klingenberg aus dem Amtsblatt vom April 2006: „Auch in diesem Jahr findet in Klingenberg das ‚Ave-Singen’ statt. In den Nächten von Gründonnerstag auf Karfreitag und von Karfreitag auf Karsamstag ziehen junge Leute durch die Straßen und singen zur Vorbereitung der Gemeinde auf Ostern das ‚Ave Maria’. Über neue Mitsänger und Mitsängerinnen würden wir uns freuen. Kontakt: Sebastian Welzenbach und Petra Klingenberger.“ Deren Mutter bestätigte mir am Telefon: Die Tradition wird heute noch gepflegt. Etwa um die Jahrtausendwende wurden Mädchen zugelassen. Den Text, der in beiden Nächten einstimmig gesungen wird, konnte sie mir auswendig aufsagen: „Ave Maria, gratia plena – unser Herrgott am Kreuz, Muttergottes daneben, die Engel da schweben – das Grab ist verschlossen, der Himmel steht offen, in Ewigkeit, in Ewigkeit.“ Anders als bei uns sind die Klingenberger bei den alten Zeitabläufen geblieben. Der Brauch heißt dort das ‚Ave-Singen‘, In beiden Nächten wird dieses ‚Ave Maria‘ einstimmig gesungen und sie raspeln nicht. Anders als in Klingenberg wird unser Osternachtsingen nicht von der Pfarrgemeinde organisiert; die jungen Leute organisieren sich selbst.

Erinnern wir uns an die Mitteilung der Gemeinde Laudenbach an das Königl. Bayer. Bezirksamt Miltenberg von 1908: „…In der Karwoche wird anstatt des Läutens ‚geklappert’. Das morgige Ave wird von den Sonntagsschülern mit kräftigem Klappern im Dorfe an bestimmten Stellen (…) verkündet…“ Demnach wurde das Osternachtsingen früher auch bei uns ‚Ave-Singen‘ genannt. Die Sonntagsschüler erledigten diesen Dienst laut gemeindlicher Meldung am Karfreitagmorgen und am Karsamstagmorgen.  Auch Karl J. Scheuring und Valentin Pfeifer nennen für die Gesangsdarbietungen genaue Zeitangaben. Seit wann ziehen die Verkündiger der Passions- und Auferstehungsbotschaft in Laudenbach nachts raschpelnd und singend von Haus zu Haus? am 02.06.2003 sagte mir Egid Arnold zu diesem Punkt: „Das nächtliche Raspeln an den Kartagen hat in Laudenbach eine lange Tradition. …“

Am 21.11.2017 fragte der HGV Laudenbach bei den Heimat- und Geschichtsvereinen im Landkreis an, ob in den dortigen Gemeinden etwas über nächtliches Klappern und Singen bekannt ist. Das Raschpeln bzw. Klappern der Messdiener ist nach wie vor üblich. Nächtliches Raspeln und Singen kommt außerhalb von Laudenbach nicht mehr vor. Die Antwort von Matthias Klotz, Vorsitzender des Heimatkundlichen Treffs, Großheubach, vom 19.02.2018 verdient allerdings Beachtung: Dort raspeln und singen die Ministrantengruppen an den Kartagen neben dem „Angelus“ um 6, 12 und 18 Uhr noch am Karfreitag um 15 Uhr das „Der Heiland am Kreuz, Maria dabei, Johannes daneben, die Engel da schweben, das Grab ist verschlossen, der Himmel ist offen in alle Ewigkeit.“ Und am Karsamstag um 11 Uhr das „Ave Maria, gratia plena, so grüßte der Engel die Jungfrau Maria, da sie voller Andacht im Gebet.“

Was können wir daraus schließen? Eine ähnliche Version unseres Passionsgesangs wird auch in  Großheubach und Klingenberg gesungen, aber nur einstimmig. Der bei uns traditionelle dreistimmige Männerchorsatz ist ein Alleinstellungsmerkmal. Wir haben einen Passions- und einen Auferstehungsgesang. Auch der scheint, über all die Jahre betrachtet, einmalig; der Liedersammler Karl J. Scheuring hat ihn nur in Laudenbach gefunden, Valentin Pfeifer, Sammler der Spessartsagen und -märchen, kennt ihn nicht. Und: Bei uns wird vor und nach dem Singen geraschpelt, die ganze Nacht.

Die Verkündigung einer Botschaft bedingt, dass es einen Überbringer und einen Empfänger gibt. Auf beiden Seiten hat sich in der langen Ausübung des Brauches etwas verändert: Früher waren die jungen Leute im tonreinen Singen viel geübter. Heute werden Passions- und Auferstehungsgesang nicht mehr überall – und auch nicht überall gern – gehört: Schallschutzfenster und -türen, mediale Berieselung, Desinteresse an religiösem Brauchtum. In den 2010erjahren fühlte sich Bgm. Bernd Klein zu folgender Klarstellung im Amtsblatt veranlasst: „Das nächtliche Raspeln und mehrstimmige Singen mag zugezogene „Neubürger“, die diesen religiös motivierten Brauch nicht kennen, zunächst befremden. Vor allem sie möchte ich deshalb auf unsere seit mehr als hundert Jahren lieb gewonnene und gepflegte Tradition hinweisen. Was zuweilen als Ruhestörung aufgefasst wird, hat die volle Unterstützung der Gemeinde und wird auch von den staatlichen Ordnungsorganen nicht als Lärmbelästigung sondern als schützenswertes Kulturgut angesehen.“

Zur Geschichte unserer ‚Kulturform‘ gehören aber auch 2 Ereignisse, die ihre Ausübung unmöglich machten: Am 31. März 1945, einem Karfreitag, nahmen die Amerikaner Laudenbach ein – unsere Befreiung vom NS. Es galt eine Ausgangssperre. In den letzten beiden Jahren setzten die Corona-Restriktionen ein Stopp-Schild. Nehmen wir das Jahr 1885 als den ersten errechenbaren Zeitpunkt des Ave-Singens in Laudenbach an, ist, soweit wir wissen, diese Tradition in 137 Jahren 3 Mal ausgefallen.

Ostersingen kennt man auch wo anders, z. B. in Oberfranken. Das ‚Laudenbacher Osternachtsingen‘ mit Raschpeln und dreistimmigem Männerchor ist einmalig. Diese Erkenntnis hat uns bewogen, an der 4. Bewerbungsrunde für das bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes teilzunehmen. Der damalige Bgm. Bernd Klein und der Gemeinderat haben diese Bewerbung des HGV mitgetragen. Das Antragsverfahren war recherche- und arbeitsintensiv. Eine große Hilfe hatte ich in Frau Dölzer von der VG Kleinheubach. Dank Ihrer Unterstützung konnte ich die Sache durchziehen. Mit dem Antrag waren zwei fachliche Empfehlungsschreiben einzureichen. Ohne diese Gutachten wäre unser Antrag gar nicht angenommen worden. Frau Dr. Speckle vom Referat für Kulturarbeit und Heimatpflege des Bezirks Unterfranken und Frau Dr. Christ, Leiterin der Forschungsstelle für fränk. Volksmusik übernahmen diese Aufgabe. Ohne Sie gäbe es diese Feierstunde nicht. Frau Dr. Christ, ich freue mich sehr über Ihren Besuch bei uns und danke Ihnen von Herzen für Ihren fachlichen Beistand. Ihre Teilnahme an dieser Feierstunde heute, am Ostermontag, ist ein besonderes Zeichen der Wertschätzung und heimatgeschichtlichen Verbundenheit.

Noch eine Anmerkung zur Verbundenheit ehemaliger ‚Osternachtsänger‘ mit unserem Brauch: Einer von ihnen ist heute in aller Herrgottsfrüh in Berlin in den Zug gestiegen, um hier dabei zu sein. Heute Abend kehrt er zu seiner Familie in die Bundeshauptstadt zurück. Das darf man doch wohl ‚Verbundenheit‘ nennen! Im Zuge des Bewerbungsverfahrens haben wir übrigens gelernt, dass unser Brauch im amtlich-wissenschaftlichen Sprachgebrauch ‚Kulturform‘ heißt, und dass es sich dabei, weil gesammelt wird, um einen ‚Heischebrauch‘ handelt. Ja, es gäbe noch Einiges mehr über unser ‚Osternachtsingen‘ zu sagen. Im Lauf der Jahre ereignet sich doch dies und das, über das man schmunzeln bzw. den Kopf schütteln könnte. Das verschieben wir aber in das gemütliche Beisammensein nach dieser Feierstunde.

Nach mehrmaliger Überarbeitung wurden die Bewerbungsunterlagen am 24.10.2019 beim Staatsministerium der Finanzen und für Heimat eingereicht. Am 02.04.2020 wurden wir verständigt, dass das ‚Laudenbacher Osternachtsingen’ in das bayerische Landesverzeichnis des immateriellen  Kulturerbes aufgenommen ist. Der für den 19.10.2020 auf der Nürnberger Kaiserburg geplante Festakt zur Urkundenübergabe durch Staatsminister Albert Füracker musste pandemie-bedingt in das neue Jahr verschoben und schließlich ganz abgesagt werden. Daraufhin haben sich Gemeinde und HGV Laudenbach zu dieser Feierstunde entschlossen. Deshalb auch der Gemeinde Laudenbach – in Person von Bgm. Stefan Distler sowie der Damen und Herren des Gemeinderates – unseren herzlichsten Dank. Dank sagen wir natürlich auch Euch Osternachtsängern für Euer Mitwirken nach Eurem Dienst in der Karfreitag- und der Osternacht. Ebenso herzlich danken wir dem Bläserensemble des Musikvereins Harmonie für die musikalischen Beiträge zu dieser Feierstunde.

Mit dem Prädikat „Immaterielles Kulturerbe in Bayern“ erfährt unser Brauch eine ganz neue Art von Wahrnehmung: Er wird berühmt. Zwei Leute mit Kamera begleiteten die Gruppe ein Stück auf ihrer Tour durch das Dorf, um einen Film aufzunehmen: a) für die Medienzentrale des Landkreises, b) für das Institut für Volkskunde der Kommission für bayerische Landesgeschichte bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Ohne dieses Prädikat, zumindest aber ohne unsere Bewerbung darum, hätte es unser Brauch wohl auch nicht so häufig und nicht so prominent in die Zeitung geschafft – und nicht in die ‚Fränkische Volksmusikblätter‘, Heft 1/2022, wo er von unseren fachlichen Befürworterinnen Frau Dr. Christ und Frau Dr. Speckle ausführlich vorgestellt wird. Und auf den Wellen des BR sind wir ja auch fleißig unterwegs. Auch das ist ein bedeutender Aspekt der Geschichte unserer Kulturform.

Die uns mit diesem Schreiben übersandte Urkunde überreichen wir hiermit in dekorativer Rahmung unserem 1. Bgm. Stefan Distler zum Ausschmücken des Rathauses

Wie wird es mit unserem Brauch weitergehen? Der Neustart nach der Corona-Zwangspause hat geklappt. Die jungen Leute sind sogar wieder zur alten Tonart f-Dur zurückgekehrt; die war ihnen vor der Pandemie zu hoch. Das Prädikat IKE sollte zusätzlichen Schub geben. Auf der örtlichen Ebene steht das Signal auf grün. Auf den höheren Ebenen steht es auf rot, wie folgende Auskunft des Bayer. Staatsministeriums der Finanzen und für Heimat verdeutlicht: „…Da für die Nominierungen der Länder für das Bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes nur ein sehr begrenztes Kontingent zur Verfügung steht, konnten im Rahmen der vierten Bewerbungsrunde nur sechs Kulturformen aus dem Bayerischen Landesverzeichnis für eine Aufnahme in das Bundesweite Verzeichnis vorgeschlagen werden. Das „Laudenbacher Osternachtsingen“ war dabei in dieser Auswahlrunde leider nicht unter den nominierten Kulturformen. Die Auswahlentscheidung über die Nominierungen des Freistaats Bayern für das Bundesweite Verzeichnis erfolgt alle zwei Jahre im Rahmen der regulären bundesweiten Bewerbungsrunden auf Grundlage der Empfehlung eines unabhängigen bayerischen Expertengremiums. Eine nicht erfolgte Nominierung in der aktuellen Bewerbungsrunde schließt eine Nominierung im Rahmen einer späteren Auswahlrunde nicht aus.“

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